Das Abschaffen von Plastiktüten – möglich und sinnvoll!?

Irgendwie sind sie ein sinnfälliges Symbol unserer modernen Lebensweise: Plastiktüten. Sie sind nur ein winziges Detail, aber sie bilden die ganze Dimension des Umwelt-Dilemmas ab, dessen sich die Menschheit erst so nach und nach bewusst wird. Tüten aus Plastik gelten als kleine harmlose Einkaufshelfer, praktisch, billig, meist sogar umsonst. Was können die schon anrichten?

Die Masse macht`s. Global wird das jährliche Aufkommen an Kunststofftüten auf eine Billion Exemplare geschätzt; die daraus resultierenden CO2-Emissionen auf 60 Millionen Tonnen – denn die handlichen Einkaufstüten werden aus Erdöl hergestellt. Aber danach wird das Problem noch größer: je nach Kunststoffart dauert es 100 bis 1.000 Jahre, bis sie wieder verrottet sind. Mittlerweile sind nicht nur die Mülldeponien dieser Erde damit überschwemmt, sondern auch schon die Meere. Einige Länder und Regionen haben bereits den Notstand ausgerufen und die Tüten aus Kunststoff verboten, darunter China, Indien und einige afrikanische Länder. Auch der US-Bundesstaat Kalifornien, zwei Provinzen in Australien und Italien sind ebenfalls schon diesen Weg gegangen. Und Deutschland? Kann die Politik überhaupt der Wirtschaft vorschreiben, wie sie verpacken darf?

Musterland Deutschland?

Wirtschaft und Politik sind hierzulande schnell dabei, wenn es darum geht, mit beeindruckenden Zahlen eine saubere Umwelt vorzuzeigen. Ja, 71 Tüten aus Plastik „verbrauche“ der Bürger schon im Jahr, aber im EU-Durchschnitt seien es fast 200, und in Osteuropa noch einmal mehr als das Doppelte. Tüten aus Plastik dürften schon seit Jahrzehnten von den Supermärkten nicht mehr kostenlos abgegeben werden und im Recycling von Kunsttofftüten sei Deutschland – na was wohl – Weltmeister. 99 % der Kunststofftüten würden hier verwertet, heißt aus der Müllwirtschaft.
Da bleibt die Frage: 99 % wovon, wenn aus den gleichen Kreisen stolz verlautet, 90 % des Plastik würde in den gelben Mülltonnen ihrer Verwertung zugeführt.

Man muss ja schließlich davon ausgehen, das der Plastikabfall nicht zu 100 % aus Kunststofftüten besteht. Und was heißt Aufbereitung? Dazu zählt auch die thermische Verwertung, die kurzerhand alle im festen Zustand gebundenen Stoffe in die Umwelt freisetzt ohne auf den Giftgehalt Rücksicht zu nehmen. Kunststofftüten gibt es in allen Gemüseabteilungen dieses Landes umsonst, und jede Mode-Boutique verpackt die teure Fashion in schöne bunte Beutel. In Kalifornien ist seit dem 1. Oktober 2014 die kostenlose Abgabe dieser Verpackungen verboten. Ein Verbot von Plastiktüten in Deutschland wäre in keiner Weise sinnlos und würde erhebliche Effekte bringen. Aber da heben Politik und Wirtschaft ohnmächtig die Arme und verweisen auf EU-Richtlinie 94/62/EG über Verpackung und Verpackungsabfälle, nach der in den Mitgliedsstaaten nichts verboten werden könne, was im EU-Recht zugelassen ist.

Die EU als Motor gegen Plastiktüten?

Gegen genau diese Richtlinie begehrte anfangs des Jahres 2014 das Europäische Parlament auf und beauftragte die zuständige EU-Kommission, bis zum Jahresende verbindliche Ziele für das Sammeln und Sortieren von Kunststoffabfällen in der EU festzulegen, die Deponierung von Plastikstoffen, die recyclingfähig sind, schrittweise abzuschaffen, und die Verbrennung dieser Kunststoffe nur noch in Sonderfällen zu genehmigen.
Aber der Motor gegen die Tüten aus Plastik ist nicht die EU, sondern Frankreich. Unser Nachbarland hat schon im Jahr 2010 ein Gesetz gegen Plastiktüten erlassen und strebt ein nationales Verbot ab Januar 2016 an. Mit dem Vorstoß im Europäischen Parlament will Frankreich erreichen, dass ein solches Verbot bis zum Jahr 2020 auch in allen EU-Mitgliedsstaaten wirksam werden kann.

Kurz vor Jahresende gab es tatsächlich eine Einigung, die wie bei der EU üblich einen ausgewogenen Kompromiss darstellt. Die neue „Richtlinie zur Verminderung des Verbrauchs an Kunststofftaschen“ soll ermöglichen, dass die EU-Bürger bis zum Jahr 2025 nur noch 40 Plastiktüten pro Jahr verbrauchen. Um das zu realisieren, soll es entsprechende Gebühren oder Steuern geben. Das aber können die nationalen Regierungen in eigener Regie entscheiden. Von den neuen Regelungen unberührt bleiben die Plastikbeutelchen in den Gemüseabteilungen. Auch stabile Plastiktaschen werden weiter am Markt bleiben, aber die werden ja auch wenigstens ein paar Jahre genutzt.
Die deutschen Bürger werden in puncto Plastiktaschen weiter bei Politik und Wirtschaft nachhaken müssen. Gut, dass sich wenigstens die Franzosen ihrer revolutionären Traditionen besonnen haben, und den Deutschen ein positives Signal geben.

Bild: Ralph Aichinger / pixelio.de

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