Das Unwort des Jahres

Der Begriff „Unwort“ ist wie „Unhold“ oder „Ummensch“ eine Bezeichnung für die es in anderen Sprachen kaum eine Entsprechung gibt. Hilfskonstruktionen wie das zum Beispiel von Englisch-Sprechern bemühte „Ugliest Word Of The Year“ strahlen nicht annähernd eine solche irritierende Düsternis aus wie „Unwort“. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass die alljährliche Kür von Unwörtern im deutschen Sprachraum auf größere Aufmerksamkeit bei Presse und Öffentlichkeit stößt als die Wahl des in Deutschland seit 1977 gekürten „Wort des Jahres“. 2015 wurde von vielen Beobachtern erwartet, dass im Zusammenhang mit den weite Teile der bundesdeutschen Gesellschaft verstörenden fremdenfeindlichen Demonstrationen in Dresden das Kunstwort „Pegida“ das Negativ-Rennen für sich entscheiden würde.
Gewählt wurde aber dann ein auf Pegida-Demonstrationen häufig gehörtes Wort: „Lügenpresse“ wurde im Januar 2015 als „Unwort 2014“ vorgestellt.

Sprachkritische Aktion

„Lügenpresse“ ist das 24. jährliche Unwort, das bisher in Deutschland gekürt worden ist. Es wurde von der sechsköpfigen Jury „Sprachkritische Aktion Unwort des Jahres“
ausgewählt. Der Gruppe gehören vier ständige und zwei jeweils für ein Jahr kooptierte Mitglieder an. So war Heiner Geißler 2011 an der Wahl des Unwortes „Döner-Morde“ als kooptiertes Mitglied beteiligt. Die ständigen Mitglieder sind allesamt Linguisten. Die Aktion wurde 1991 von dem Germanisten Horst Dieter Schlosser (geb. 1937) gegründet. Professor Schlosser, bis 2002 Inhaber des Lehrstuhls für Deutsche Philologie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt, hat sich in der Fachwelt einen Namen als anerkannter Experte für den Wandel des Sprachgebrauchs in Deutschland gemacht.

Die von ihm initiierte Aktion soll durch Benennung eines jährlichen Unworts einer breiteren sprachkritischen Reflexion und Sprachsensibilität dienen. Dabei soll insbesondere auf in dem jeweiligen Jahr häufig im öffentlichen Raum verwendete neue oder wiederbelebte Wortschöpfungen aufmerksam gemacht werden, die sachlich grob angemessen erscheinen oder sogar gegen humane Werte oder demokratische Grundhaltungen verstoßen.

Auswahlverfahren

Interessierte Bürger sind ausdrücklich aufgerufen, bis zum Jahresende Unwort-Vorschläge einzureichen. Aus diesen Vorschlägen wählt die Jury nach gründlicher Diskussion unabhängig das den Negativ-Begriff des Jahres aus. Bis 1994 agierte die Jury im Rahmen der GfDS („Gesellschaft für deutsche Sprache“), der Schlosser seit 1983 als Frankfurter Regional-Vorsitzender angehört. Nach einem Disput mit dem GfDS-Bundesvorstand löste sich die Aktion 1991 von der Gesellschaft. Sprecher der Aktion war ab 1991 Horst Dieter Schlosser bis er 2011 von der Darmstädter Linguistik-Professorin Nina Janich (geb. 1968) in dieser Funktion abgelöst wurde.

Gekürte Unworte

Das Urteil der Jury stößt jedes Jahr nicht nur auf Interesse, sondern neben Beifall auch regelmäßig auf Kritik an den für Außenstehende häufig nicht nachvollziehbaren Auswahlkriterien. Der 1991 ausgewählte Begriff war das im Zusammenhang mit den damaligen Ausschreitungen in Hoyerswerda berüchtigt gewordene „Ausländerfrei“. Es folgten unter anderem die von Arbeitgeberseite zynisch in die Diskussion geworfene Bezeichnung „Wohlstandsmüll“ (1997) für arbeitsunwillige oder -unfähige Menschen und die Menschen zur ökonomischen Variablen degradierenden Begriffe „Ich-AG“ (2002) und „Humankapital“ (2004) für arbeitswillige Menschen. Als inakzetabel bewertete die Jury auch den Begriff „Kollateralschaden“ (1999) für zu offensichtlich zu vernachlässigende Todesopfer unter der Zivilbevölkerung im Kosovo-Krieg sowie den Ursache und Wirkung verdrehenden Euphemismus „Notleidende Banken“ in der von Banken verursachten Finanzkrise (2008).

Nicht nur die Sprachkritische Aktion wählt in Deutschland jährlich ein Negativ-Wort aus. Auch die Düsseldorfer Börse ermittelt seit 2001 mit dem „Börsenunwort des Jahres“ Unwörter wie „Bad Bank“ (2009) oder „Guthabengebühr“ (2014).

Unworte des Jahres in Österreich und der Schweiz

Die „Forschungsstelle für Österreichisches Deutsch“ an der Grazer Universität wählt seit 1999 das österreichische Unwort des Jahres. Dazu gehören österreichische Spezialbegriffe wie „Schübling“ (1999) für Abschiebehäftling, das diözesanbischöfliche „Bubendummheiten“ für priesterliche Kinderpornografie-Taten (2003) oder das von dem FPÖ-Politiker Mölzer gebrauchte „Negerkonglomerat“ (2014) in Verbindung mit der EU. Auch in der Schweiz gibt es seit 2003 eine Unwort-Wahl, die zum Beispiel das Behinderte diffamierende „Scheininvalide“ (2003) oder den sprachlichen Missgriff „Erweiterter Selbstmord“ (2006) anprangert.

Lügenpresse

Die Sprachkritische Aktion hat das Wort „Lügenpresse“, das im Herbst 2014 im Rahmen von Pegida oft gegrölt oder berichtenden Journalisten zugezischt worden ist, als Beispiel für eine gefährliche Revitalisation alter Nazi-Begriffe ausgewählt. „Lügenpresse“ gehörte zum Standard-Totschlag-Vokabular der Goebbels-Propaganda zur Bezeichnung NS-kritischer Presse.

Bild: Lupo / pixelio.de

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