Eisbaden: Wirkweise und Nutzen

Wir Menschen sind Warmblüter. Als homoiothermes, d.h. gleichwarmes, Lebewesen verfügt der Mensch über einen Organismus, der verschiedene Möglichkeiten hat aus sich heraus, also endotherm und unabhängig von den Umweltbedingungen, Körperwärme zu regulieren. Bei einer Temperatur zwischen 36,3 und 37,4 °C macht der Körper quasi alles mit, kann den meisten Herausforderungen des Alltags gut gerüstet begegnen. Eine Ausnahme von der Regel beanspruchen Sportler für sich. Um die bestmögliche Leistung im Training oder im Wettkampf abrufen zu können, steigert ihr Organismus schon während der Aufwärmphase die Körpertemperatur und kann unter Höchstbelastung eine Betriebstemperatur um die 38,5 bis 39 °C erreichen. Es zeigt sich, dass besonders Athleten, die ausdauernd laufen, auf diese Weise für ihre Disziplin geradezu brennen. Ihre körperliche Leistungsfähigkeit steigt während der Belastungszeit dabei um bis zu 7 %.

Die Athleten in der Eistonne

Um regelmäßig und zuverlässig abrufbar im Leistungssport heiß laufen zu können, muss der Körper jede Menge Energie freisetzen. Dies wiederum gelingt nur mit einem hochleistungsfähigen Herz-Kreislauf-System, einer hervorragenden Durchblutung der Muskulatur und einem perfekt funktionierenden Stoffwechsel. Die nötige Fitness für solch eine überragende Funktionsfähigkeit erreicht nur, wer mit einem durchdacht strukturierten Training für ein physiologisches Gleichgewicht in Zeiten hoher körperlicher Belastung sorgt. Jedes wirkungsvolle Training sieht eine abwechselnde Folge von Perioden der Belastung und der nachfolgenden Regeneration vor. Je intensiver aber die Wettkampf- oder Trainingsbelastung ist, desto zeitaufwändiger wird die Regeneration.

Besonders für Hochleistungssportler kann das in der sportlichen Hochsaison, wenn Wettkampf auf Wettkampf folgt, zum Problem werden. Der Versuch die Regenerationszeiten zu verkürzen, ohne gleichzeitig ihre Effektivität aufs Spiel zu setzen, macht erfinderisch und führt direkt ins Eisbad. Zweifellos ist das Eisbaden zunehmend modern und besonders seit der Fußball-WM 2014 in aller Munde. Richtig angewendet kann es nach dem Workout eine Regenerationsphase effektiv einleiten. Eisbaden entfaltet seine Wirkung bei Wassertemperaturen zwischen 0 und 15 °C. Meist liegt die Badetemperatur in einem niedrigen Bereich über 0 °C und die Dauer sollte zwischen 1 bis 4, höchstens aber bei 10 Minuten liegen. Erfolgt das Bad nicht nach dem Workout ist eine leichte Erwärmung mit Gymnastik oder eine kurze Laufbelastung angebracht. Beim Eisbaden wirkt dann sehr plötzlich ein intensiver Kaltreiz auf den Organismus.

Als Folge tritt eine Stressreaktion ein, die zur Erhaltung der Körperkerntemperatur komplexe physiologische Prozesse in Gang setzt. An diesen Prozessen ist besonders stark das Herz-Kreislauf-System beteiligt. Zur Thermoregulation wird die Durchblutung der Körperoberfläche und der Extremitäten stark gedrosselt. Dabei können die niedrigsten Temperaturen während des Bads an den Fingerspitzen gemessen werden, wo sie um etwa 8 °C sinken. Zu Beginn des Bads steigt der Blutdruck und die Herzfrequenz beschleunigt sich im Durchschnitt auf 148 Schläge pro Minute. Beide Werte normalisieren sich dann während des Eisbadens, sofern die empfohlene Wirkdauer nicht überschritten wird. Gleichzeitig steigt durch unterschiedliche Stoffwechselprozesse die oxidative Belastung, d. h. der Organismus ist unter dem Stress der Kälteeinwirkung weniger gut in der Lage freie Radikale zu binden.

Natürlich muss die Wirkung des extremen Kältereizes möglichst rasch und effektiv kompensiert werden. Dazu stabilisiert der Körper das Herz-Kreislauf-System und die Durchblutung der Extremitäten wird gefördert, in der Folge ist sie sogar besser als vor dem Kältereiz. Natürlich werden auch die anti-oxidativen und entzündungshemmenden Prozesse nachdrücklich wieder in Gang gesetzt. Wiederholt man das Bad in regelmäßigen Abständen, passt sich der Organismus immer besser dem Kältestress an und seine regenerativen Maßnahmen werden zunehmend wirkungsvoll bzw. effektiv. Diese Anpassung ist letztlich nichts anderes als eine Abhärtung und bewirkt, dass die Stabilisierungsfunktionen, die im Stress gewirkt haben, in den Normalbetrieb des Organismus nachhaltig übernommen werden. Die positive Wirkung auf die körperliche Fitness liegt auf der Hand.

Fit mit russischer Seele

Fürs Eisbaden muss man freilich nicht notwendigerweise in eine Eistonne steigen. Angenehm kann auch das Winterschwimmen während der kalten Jahreszeit in natürlichen Gewässern sein. Unter der Voraussetzung stabiler körperlicher Gesundheit wirkt sich das Bad auch bei normal sportlichen Menschen positiv auf die Fitness aus. Vom orthodoxen Glauben inspiriert ist das Winterschwimmer beispielsweise in Russland legendär und mittlerweile sogar zum Volkssport geworden.
Und weil es so schön und so lang in aller Munde war, hier noch einmal der Remix von Per Mertesackers fast schon legendärem Interview nach dem Algerien-Spiel bei der letzten Fußball-WM (über 2,4 Mio (!) Aufrufe, Stand Datum 27.08.2014):

Bild: M. Großmann / pixelio.de

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