Hält Spirulina auch wirklich das was es verspricht?

Sämtlichen sogenannten Superfoods stehen manche Menschen grundsätzlich kritisch gegenüber. Es ist nicht zu leugnen, dass damit meist ein Riesenhype verbunden ist und gute Geschäfte mit sogenannten Superfoods gemacht werden – unter anderem mit Fälschungen und Panscherei, aber auch mit bewussten Falschaussagen und angeblichen wissenschaftlichen Studien, deren Fragestellungen oder Studiendesigns nie erläutert werden. Andere Menschen sind jedoch vollkommen davon überzeugt, dass ohne Superfoods wie Spirulina die Nahrung nicht mehr so vollwertig und vitalstoffhaltig ist wie einst. Daher sehen sie in Superfoods eine sehr gute Möglichkeit, ihr Nährstoffprofil um bestimmte Nährstoffe aufzuwerten. Wer hat nun Recht? Dieser Frage soll am Beispiel der Mikroalgen nachgegangen werden.

Gesicherte Fakten zu Spirulina Algen

Die winzig kleine Blaualge Spirulina wuchs ursprünglich nur in salzigen Seen. Sie war die Hauptnahrung der Flamingos. Es handelt sich aber eigentlich gar nicht um eine Alge. Die Spirulina gehört in Wahrheit zu den Bakterien bzw. Cyanophyceen. Diese bezeichneten die Menschen früher als Blaualgen oder Mikroalgen. Derzeit werden an die 35 verschiedene Arten dieser Blaualge unterschieden. Die bekannteste ist Spirulina platensis. Es ist nicht ganz geklärt, ob es sich dabei immer um dieselbe Art handelt oder nicht. Die Alge kann sich ihrer Umgebung – beispielsweise den dort vorherrschenden Wasserbedingungen wie Süß- oder Salzwasser, dem vor Ort zu findenden pH-Wert oder dem dort herrschenden Nahrungsangebot – anpassen.

Die Spirulina Alge kann sowohl in Salzwasser als auch in Süßwasser leben. Sie kann problemlos in Aquakulturen oder überdachten Kulturanlagen kultiviert werden. Schon dadurch konnte sie früh zu einem lukrativen Geschäft werden. Interessant ist, dass diese zum Superfood hochstilisierte Mikroalge schon bei den alten Azteken hoch im Kurs stand. Bereits zu dieser Zeit der Menschheitsgeschichte wussten die Menschen, dass Blaualgen sehr mineralreich sowie vitamin- und proteinhaltig waren. Sie bedienten sich ihrer mit entsprechender Häufigkeit, um das oft einseitige Nahrungsangebot aufzuwerten.

Es bedurfte also eigentlich keiner werblichen Aufwertung, um die Mikroalgen zum Superfood moderner Tage zu ernennen. Die Studienlage ist bei dieser seit Langem bekannten Alge exzellent. Daher verfügen wir über jede Menge gesichert erscheinender Studienergebnisse. Diese müssen allerdings hinterfragt und in den richtigen Kontext gestellt werden. Bei unkritischer Betrachtungsweise entsteht ein falsches Bild von den Fähigkeiten und Eigenschaften der Spirulina Alge.

Studienergebnisse sind nie der Weisheit letzter Schluss

Zahlreiche Studien zur Spirulina Alge liegen bereits vor. Sie propagieren ein Ergebnis, das für viele Menschen als Wahrheit gilt. Stattdessen sollten sie als vorübergehende und ergänzungsbedürftige Erkenntnisse angesehen werden, die unter bestimmten Bedingungen entstanden sind. Gegen die vorliegenden positiven Studienergebnisse über die Mikroalge stehen mindestens ebenso viele ungesicherte Behauptungen, deren Wahrheitsgehalt bisher nicht in Langzeitstudien verifiziert werden konnte. Zahlreiche Studien lassen den Schluss zu, dass viele der versprochenen Wirkungen tatsächlich gegeben sind. Trotzdem muss darauf hingewiesen sein, dass wissenschaftliche Studien manipulativ sein können und meist dem Interesse des Auftraggebers entsprechen.

Eine quellenkritische Bewertung der Relevanz bestimmter Forschungsergebnisse ist daher kaum möglich. So erstaunt es auch nicht, dass manche Studienergebnisse als bewiesen gelten, aber dennoch von anderer Seite als unwahr bezeichnet werden können.

Diese Anmerkung ist jedoch nicht gleichbedeutend mit einer Herabminderung der Spirulina als Superfood. Vieles deutet darauf hin, dass Algen in der Ernährung der Zukunft eine große Rolle spielen könnten. Auch für dieses Superfood steht zu erwarten, dass sich viele der bisher unbestätigten Annahmen in unabhängigen Forschungsvorhaben bestätigen – und dass möglicherweise sogar noch darüber hinausgehende Wirkungen von Mikroalgen gefunden werden. Es muss aber auch damit gerechnet werden, dass sich andere Behauptungen als haltlos erweisen, weil sie widerlegt werden oder nicht bewiesen werden können. Problematisch ist, dass die Verbraucher von verschiedenen Interessengruppen gerade durch wissenschaftliche Erkenntnisse manipuliert werden. Otto Normalverbraucher kann daher kaum ein realistisches Bild von den Qualitäten und Risiken der Spirulina gewinnen. Demnach ist es nicht angebracht, der einen oder der anderen Seite Recht zu geben. So einfach ist es leider nicht.

Das Nährstoffprofil der Mikroalge

Unstrittig ist das Nährstoffprofil der Blaualge Spirulina. Durchschnittlich enthalten die getrockneten Blaualgenpräparate

– fast 60 Prozent Proteine
– etwa 20 Prozent Kohlenhydrate
– maximal 4 Prozent Fett
– und mehr als 5 Prozent Mineralstoffe, vor allem Kalzium, Magnesium und Eisen.

Dazu addieren sich Chlorophyll, alle essenziellen Aminosäuren, Beta Carotin als Vorstufe zum Vitamin A, außerdem die Vitamine B und E. Das Vitamin B12 liegt allerdings zu 80 Prozent als nicht verwertbares Pseudovitamin B12 vor. Nur der Rest ist vom Menschen verwertbar und bioverfügbar. Das ist aber keineswegs nur bei der Spirulina der Fall, sondern auch bei anderen Lebensmitteln. Trotzdem wird in Bezug auf die Spirulina Alge oft mit dem hohen Gehalt an Eisen und Vitamin B12 geworben. Die mangelnde Bioverfügbarkeit zu erwähnen, fällt gelegentlich unter den Tisch.

Veröffentlichungen, die darauf hinweisen, sind daher als seriöser anzusehen. Die interessantere Frage ist nun, wie sich dieses Nährstoffprofil auswirkt, und ob eine Ernährung ohne die Mikroalge genauso nährstoffreich sein kann. Außerdem muss die Frage beantwortet werden, ob die chlorophyllhaltigen Blaualgen einen gesundheitlichen Wert haben, der anderweitig nicht sichergestellt werden kann.

Welchen ernährungsphysiologischen Wert haben Spirulina Algen?

Was die enthaltenen Nährstoffe angeht, so muss festgestellt werden, dass viele heimische und importierte Gemüse- oder Obstsorten ein ähnliches Nährstoffprofil haben. Eine gesunde und vitalstoffreiche Ernährung wäre also durchaus auch ohne Spirulina-Algen sichergestellt. Eine weniger gesunde Ernährung kann damit jedoch aufgewertet werden. In diesem Bezug werden zum Beispiel die komplett vorliegenden essenziellen Aminosäuren in der Mikroalge als wertvoll angesehen. Andererseits enthalten auch fast alle anderen pflanzlichen Lebensmittel die acht essenziellen Aminosäuren, allerdings in unterschiedlichen Gewichtungen. Um eine möglichst hohe Verwertungsquote aller essenziellen – also lebenswichtigen und vom Organismus nicht selbst herstellbaren – Aminosäuren zu erreichen, ist die Kombination verschiedener pflanzlicher Lebensmittel sinnvoll.

Bewiesen ist nämlich, dass jede essenzielle Aminosäure nur dann vom Organismus verwertet wird, wenn alle anderen sieben Aminos ebenfalls in gleicher Menge vorhanden sind. Aminosäuren, die keinen Anschluss an die anderen Gegenspieler in der Aminosäurekette finden, werden ungenutzt ausgeschieden. Bleibt die Frage nach dem gesundheitlichen Wert der Spirulina Alge in Bezug auf verschiedene Erkrankungen. Dabei geht es um die Vorbeugung ebenso wie die Behandlung bestimmter Erkrankungen, zumindest als begleitende Maßnahme.

Welchen medizinischen Wert haben Spirulina Algen?

Fast jedes Superfood wird damit beworben, dass es auf Blutfette, Blutzucker, das Immunsystem, die Entgiftungsfähigkeit des Organismus oder eine Vielzahl von Erkrankungen von Arthrose bis Krebs eine nachgewiesene Wirkung hat. Das Füllhorn an Wunderwirkungen ist auch bei dieser Mikroalge weit geöffnet. Auch wenn unstrittig ist, dass Spirulina-Algen einen hohen Nährwert haben, sind die vorliegenden wissenschaftlichen Studien, die medizinische Wirkungen beweisen sollen, mit Vorsicht zu betrachten. Die „Deutsche Gesellschaft für Ernährung“ bewertet die Alge eher ambivalent. Sie weist darauf hin, dass viele der Studien ihre Ergebnisse lediglich aus Labor- oder Tierversuchen bezogen haben. Unabhängige Langzeitstudien mit einer hohen Probandenzahl an Menschen fehlen bisher.

22Auch wird darauf hingewiesen, dass alle gesundheitlichen Effekte, die der Spirulina Alge zugeschrieben werden, genauso gut durch andere Lebensmittel erzielt werden können.

Das oft beworbene Vitamin B 12 und der Eisengehalt liegen in der Alge in einer Form vor, die nur in geringen Teilen verwertbar ist. Die Bioverfügbarkeit mancher in hoher Dosis vorliegender Spirulina-Nährstoffe lässt also zu wünschen übrig. Das wird in der überzogen klingenden Superfood-Werbung aber oft nicht erwähnt. Der Jodgehalt der Blaualgen ist eher gering, ganz anders als bei anderen Meeralgen. Die „Deutsche Gesellschaft für Ernährung“ und die „Stiftung Warentest“ bewerteten die Spirulina in der Gesamtschau als überflüssig – zumindest unter der Voraussetzung, dass eine gesunde und abwechslungsreiche Ernährung gepflegt wird. Das ist im Zeitalter des Fast Foods und der stark verarbeiteten Convenience-Lebensmittel oft nicht mehr der Fall, wie wir wissen.

Sprechen Schadstoffbelastungen in Spirulina Algen gegen sie?

Prinzipiell sollte der Spirulina-Konsument darauf achten, Algenpräparate hoher Qualität aus zertifizierten Aquakulturen und möglichst in Bio-Qualität zu kaufen. In diesem Fall spielt der Schadstoffgehalt keine Rolle. Die irreführenden Pressemeldungen, die vor Belastungen mit Krebs erregenden Microcystin warnten, haben viel Unruhe gestiftet. Sie betrafen jedoch keine Spirulina Algen, sondern andere Algenarten. Fakt ist, dass die zertifizierten Spirulina-Kulturen aus überdachten Wasserbecken oder Aquakulturen nicht mit Schadstoffen belastet sind. Wären sie es, würden die Hersteller umgehend Abhilfe schaffen, um ihr Geschäft weiter erfolgreich betreiben zu können. Um handelsfähig zu sein, werden die Spirulina-Algen meistens in geschlossenen und/oder überdachten Kulturanlagen kultiviert.

Selbst wenn der Hersteller seine Algen in offenen, aber ökologisch kontrollierten Aquakulturen im Meer gewinnt, sind Schadstoffbelastungen nicht zu befürchten. Das enzymreiche Superfood sollte aber immer in der bestmöglichen Qualität gekauft und im dunklen Glas vor Licht geschützt werden. So schützen die Verbraucher sich vor gepanschten, mit anderen Algen gestreckten oder mit Schadstoffen und Toxinen und belasteten Mikroalgen.

Fazit

Es geht in diesem Artikel nicht darum, den Spirulina-Algen eine gesundheitliche oder medizinische Wirkung abzusprechen. Wer sie im grünen Superfood-Smoothie oder als vitalstoffreiche Nahrungsergänzung genießen möchte und ihr Nährstoffprofil schätzt, sollte sie weiterhin kaufen. Vielmehr geht es darum, den gesamten Hype aus der kontroversen Diskussion um die Spirulina Algen zu nehmen und die Mikroalgen objektiver zu bewerten. Daher kann es auch nicht Sinn und Zweck dieses Artikels sein, hier sämtliche Untersuchungen anzuführen, die gesundheitliche Wirkungen auf das Immunsystem oder anderes zu beweisen scheinen. Es spricht genauso viel für den Konsum von Spirulina-Algen, wie dagegen angeführt werden könnte.

Letzten Endes sollte jeder Konsument selbst entscheiden, woher er seine Nährstoffe bezieht und innerhalb welcher Ernährungsweise er solche Algenpräparate sinnvoll findet. Richtig liegen die Verbraucher momentan, wenn sie wissenschaftliche Studien grundsätzlich nicht überbewerten – und zwar sowohl positive wie negative. Die Frage nach den Studienbedingungen, der Studiendauer, der Probandenzahl und den dahinter stehenden Interessen kann meistens nicht zufriedenstellend geklärt werden. Damit kann auch nicht die Frage beantwortet werden, ob Mikroalgen wie die Spirulina eine wertvolle Nahrung der Zukunft darstellen, oder medizinisch in Bezug auf bestimmte Erkrankungen und Mangelsituationen Wirkungen zeigen. Superfoods und Mikroalgen sind und bleiben ein schwieriges Feld, in dem Gegner und Befürworter sich die Waage halten.