Nussknacker: Zwischen Haushaltsgerät und Weihnachtsdekoration

Jede und Jeder hat (mit ziemlicher Sicherheit) einen zu Hause – mindestens einen! Benutzt wird er eigenartigerweise fast nur in der Advents- und Weihnachtszeit. Kein anderes Haushaltsgerät ist so saisonabhängig wie er: der Nußknacker. Ob als Nusszange oder als Nussöffner, der Nußknacker ist gewissermaßen in jedem Haushalt Pflicht. Oft wird er allerdings genau dann, wenn er wieder einmal zum Einsatz kommen soll, gesucht: Ja, wo steckt er denn nur?

Das ganze Jahr über nicht oder nur selten benutzt, macht er sich im Advent, wenn er benötigt wird, oft ziemlich rar. Wer weiß schon nach Monaten noch, wo er ihn damals aufbewahrt hat? Anders steht es mit den Konkurrenten dieser profanen Truppe, die ebenfalls fast in jedem Haushalt vorhanden sind. Die werden immer wohl verwahrt. Das sind jene schön gestalteten, meist aus Holz geschnitzten und stets fröhlich bemalten Nußknacker, die zum Advents- und Weihnachtsschmuck gehören und sich nicht so schnöden Aufgaben widmen müssen wie dem Öffnen einer Nuss. Sie könnten vielleicht, aber das Risiko einer Beschädigung wäre viel zu groß. Es wäre schade, wenn den bunten Husaren, als die sie gerne auftreten, etwas geschehen würde. Nicht wenige sind keine nebenher zur schnöden Benutzung gekauften Haushaltsgeräte, sondern wertvolle Familienerbstücke, von Generation zu Generation weitergegeben, die sogar im Märchen oder im Ballett auftreten könnten, was sie auch tun. In Peter Tschaikowskis Ballett „Der Nußknacker“ bewältigt einer der ihren einen bravourösen Auftritt, der heute noch die Menschen fasziniert, selbst kleine Kinder, zumal die Geschichte des Nußknackers und dem Mäusekönig zunächst als Märchen entstand.

Nußknacker können nüchtern sein – oder wunderschön

Es gibt Geräte, deren Form folgt der Funktion, und das war’s. Soll heißen: Jeder Schnickschnack, jede Formveränderung ist überflüssig. Beispiel: die von Hand betriebene Nudelmaschine. Es gibt zwar verschiedene Modelle, aber alle sind mehr oder weniger gleich. Beim Nußknacker ist das ganz anders. Das hängt mit den unterschiedlichen Techniken zusammen, die es möglich machen, der Nuss mit einer Nusszange auf den Leib zu rücken. Paranuss, Haselnuss, Walnuss – es gibt erstaunlicherweise nicht allzu viele echte Nüsse, und selbst von denen sind nur wenige essbar.

Die Walnuss ist neben der Haselnuss sicher eine der bekanntesten. Umso mehr erstaunt der Erfindungs- und Formenreichtum beim Blick auf die verschiedenen Nussöffner, die im Laufe der Zeit erfunden wurden. Unterscheiden lassen sich Funktionen und Materialien. Nußknacker, Nussöffner oder Nusszangen bestehen meistens entweder aus Holz oder aus Metall. Kunststoff kommt gelegentlich zum Einsatz, allerdings meistens nur als ergänzendes Einzelteil. Die Funktion erlaubt eine Vielzahl von „Techniken“. Da ist die Nusszange, die seit der Antike bekannt ist; Da ist ihre Weiterentwicklung, die zwar auch mit einem Hebel funktioniert, aber einen Becher beinhaltet. Da sind die mit Schrauben oder Spindeln versehenen Modelle, die, obwohl im Allgemeinen „nur“ aus Holz gefertigt, einen Vorteil vor manchen anderen Arten von Nusszangen haben. Die mit einem Gewinde versehenen Holzteile, welche quer in die Wand eines Bechers hineingedreht werden, erlauben es, die Kraft, die auf die Nuss ausgeübt wird, aufs Genaueste zu dosieren. So bleibt dem Benutzer ein Zerstieben der geknackten Nuss meistens erspart, und es ist nicht nötig, die Nussteile selbst und die harten Schalenteile auseinander zu sortieren.

Daneben gibt es raffinierte Nussöffner, die der ursprünglichen Nusszange Konkurrenz machen. In einem Fall wird die Nuss in einen Luftballon gelegt, der an einem Metallbehälter befestigt ist. Dann wird der Luftballon aus dem Behälter herausgezogen und losgelassen. Der Effekt? Der Ballon zischt zurück in den Behälter, und die Nuss wird an seine Rückseite geschleudert. Das übersteht keine Haselnuss und auch keine Walnuss. Eine andere Entwicklung funktioniert genau umgekehrt: Das zu knackende Früchtchen wird im Behälter festgeklemmt, und von außen wird mittels eines Gummizugs oder einer Feder ein Bolzen darauf „geschossen“. Der Effekt ist in beiden Fällen etwa der gleiche. Gegen eine Nusszange, die aber letztlich dasselbe Ergebnis zeitigt, ist das beinahe High-Tech.

Die erwähnten wunderschönen Kollegen, oft auch in überdimensionierter Größe zu Werbezwecken genutzt, sind jene Nußknacker, die Bestandteil jeder Weihnachtsdekoration sind. Mal präsentieren sie sich schaudererregend die Zähne fletschend; Oft sind sie freundliche Gesellen, die einfach nur gerne ‚mal mit dem Gebiss klappern. Gemeinsam ist ihnen allen eine farbenfrohe Bemalung. Nur zur Benutzung sind sie nicht wirklich da. Es versteht sich, dass es solche knackigen Burschen in allen nur erdenklichen Größen gibt. Der weltweit größte, soweit bekannt, steht mit über zehn Metern Höhe da, wo er sicher auch am ehesten hingehört: vor dem Nußknacker-Museum in Neuhausen im Erzgebirge.

Wie kommt der Nussöffner zum Christkind?

Zwischen Nüssen und Weihnachten eine gedankliche Verbindung herzustellen, ist auf Anhieb gar nicht so einfach. Nun gut, Nüsse gibt es vornehmlich im Spätherbst, und gegessen werden sie dann eben allgemein in der Advents- und Weihnachtszeit. Dass Nussöffner, in welcher Form auch immer, ganz konkret mit Weihnachten in Zusammenhang gebracht werden, hat einen nicht ohne Weiteres erkennbaren Grund. Eben jene schönen Exemplare von Nußknackern, die wir so gerne neben die Krippe, aufs Fensterbrett oder unter den Weihnachtsbaum stellen, haben sich angeblich – es sei denn, der berühmte Märchenerzähler Jacob Grimm hätte hier ebenfalls ein Märchen erzählt – aus Götzen-Figuren entwickelt, mit denen die Menschen früherer Jahrhunderte die Hausgeister besänftigen wollten. Das konnte die christliche Kirche natürlich nicht hinnehmen und sorgte auf kaum mehr nachvollziehbaren Wegen dafür, dass aus den Götzen Dekoration wurde – nett, aber bedeutungslos. Und weil Nüsse nun einmal vornehmlich in der Weihnachtszeit gegessen werden, wurde aus den Götzen Weihnachtszubehör.
Es dauerte übrigens ziemlich lange, bis sich aus den ersten antiken Modellen moderne Geräte und neben ihnen diese hübschen Deko-Knacker entwickelten. Zwar soll schon König Heinrich VIII von England seiner damaligen Frau Anne Boleyn eine solche Figur geschenkt haben. Das wäre dann im 16. Jahrhundert gewesen, und es wäre vermutlich eine seltene Ausnahme gewesen. Echte Popularität erlangten die beißenden Gesellen frühestens im 18. Jahrhundert. Wie diese Popularität zustande kam, ist eine eigene Geschichte, und die spielt im Erzgebirge.

Das Erzgebirge, der Bergbau und der Nussöffner

Ins Ballett ist der hart arbeitende Erzgebirgler früher sicher selten gegangen. Damals gingen die sogenannten einfachen Leute wo anders hin, nämlich in die Grube. Das Erzgebirge lebte seit dem 12. Jahrhundert wesentlich vom Bergbau. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurden die Gruben allerdings immer weniger ergiebig und die Situation der Menschen in der Gegend, die bis dahin in großem Wohlstand geschwelgt hatte, erforderte plötzlich, sich Zusatzeinnahmen, heute würden wir sagen: Nebenjobs, zu suchen. Die Holzschnitzerei war eine Möglichkeit, sich Geld zu verdienen. Das Gebiet war schließlich sehr waldreich. Schnell entwickelte sich ein weit verzweigtes Holzschnitzer-Gewerbe.

Heute gilt die Gegend, zusammen mit anderen Künsten wie dem Klöppeln und Strohflechten, als angeblich größtes zusammenhängendes Kulturgebiet Europas. Wer auf die Idee kam, ausgerechnet Nußknacker zu schnitzen, scheint nicht überliefert zu sein. Tatsache ist, dass die Burschen von dort aus ihren weltweiten Siegeszug angetreten haben. Nachdem sie jahrzehntelang selbst mit Nussknackern in Billigausführung und womöglich sogar aus Plastik den Westen überrollt hatten, finden in den letzten Jahren ausgerechnet die Chinesen Gefallen an echter erzgebirgischer Importware. Qualität überzeugt eben!

Das ging schon den alten Griechen auf die Nuss

Nüsse, beispielsweise die Walnuss oder Vorformen von ihr, gibt es seit fast sechzig Millionen Jahren. Sie waren in der Welt, lange bevor der Mensch auftauchte. Schon bald, wie belegt ist, begannen Menschen Nüsse zu essen, was sich anfangs als durchaus schwierig erwies. Knacken Sie ‚mal eine Walnuss, um bei dem Beispiel zu bleiben, ohne irgendein Werkzeug wie eine Nusszange! Es soll Menschen gegeben haben, die Nüsse ohne einen künstlichen Nussöffner knackten, indem sie sie einfach mit den Zähnen zerbissen. Den Zähnen kann das nicht gutgetan haben, und wenn der Inhalt der Nuss noch so gesund war und ist: Die Nuss als solche und die Walnuss im Besonderen gehören zu den gesündesten Lebensmitteln, die man sich vorstellen kann. Sie sind reich an Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen, und sie besitzen einen hohen Anteil an Linolensäure, einer besonders für das Herz gesunden Omega-3-Fettsäure. Von vielen anderen Inhaltsstoffen abgesehen, denen gesundheitsfördernde Wirkungen zugeschrieben werden, wird heute allgemein angenommen, dass speziell die der Walnuss Herz-Kreislauf-Erkrankungen entgegenwirken und sogar Prostatakrebs hemmen können.
Nur: wie kommt man an die Nüsse auf praktischere Weise als mit den Zähnen heran? Manche Leute hieben im Altertum mit Steinen auf den harten Schalen herum. Wer das selbst schon einmal gemacht hat, weil keine Nusszange oder Ähnliches zur Hand war, weiß, wie das häufig ausgeht. Mit etwas Glück sind zuletzt noch einige Nuss-Brösel übrig. Wie bei vielen Fragen haben auch hier die antiken Griechen zuerst Antworten gesucht – und gefunden. Die erste Nusszange, ein Gerät aus zwei mit einem Gelenk verbundenen Stangen, soll Aristoteles erfunden haben. Ungefähr um seine Zeit soll allerdings auch in einem Grab bei Tarent ein Nußknacker gefunden worden sein, der aus Bronze bestand.

Wie der Nußknacker im Ballett tanzen lernte

Dass der Nußknacker, eine doch eher steife hölzerne Figur, tanzend auf die Bühne gelangte, hat die Welt mehreren Umständen zu verdanken. 1816 schrieb ETA Hoffmann ein Stück mit dem Namen „Nußknacker und Mäusekönig“, das dem russischen Komponisten Peter Iljitsch Tschaikowski bekannt wurde. Die Textversion, die er vertonte, stammte allerdings nicht von Hoffmann, sondern von Alexandre Dumas. Dass Tschaikowski überhaupt auf die Idee kam, ein solches Ballett zu komponieren, lag daran, dass sein Bruder Modest ein Stück für die Kinder seiner Schwester geschrieben hatte. So inspirierte eine Muse die andere und diese wieder andere.

Von Anfang an ein großer Erfolg – die Uraufführung des Märchens als Ballett fand im Dezember 1892 am Mariinski-Theater in St. Petersburg statt -, verbreitete sich das Ballett rasch über ganz Europa und ist noch heute eines der meistgespielten Stücke der Welt. Es wurde von fast allen großen Choreographen immer wieder neu inszeniert, wobei vor allem der Pas de deux der Zauberfee und ihres Kavaliers aus der Original-Inszenierung von Lew Iwanow bis heute „überlebt“ hat.