Was ist Seitenstechen?

Nahezu jeder Läufer ist mit dem unangenehmen Gefühl vertraut: Das Seitenstechen, auch unter dem Begriff »Seitenstiche« bekannt, kann unerwartet auftreten und das komplette Training zu einer Qual machen. Seitenstechen diskriminiert nicht: Der Schmerz kann jeden Menschen treffen, ob jung oder alt, ob fit oder unsportlich. Doch was genau steckt eigentlich hinter den seltsamen Schmerzen – wie erkennt man Seitenstechen, woher kommt es und was kann dagegen getan werden?

Wie fühlt sich Seitenstechen an?

Jeder Betroffene empfindet Seitenstechen etwas anders. Wie der Name bereits verrät, ist der Schmerz meist stechend oder bohrend. Nicht selten fühlt er sich an wie ein Krampf oder eine Verspannung, vergleichbar mit einem Wadenkrampf im oberen Bauchbereich.

Seitenstiche beginnen oft schwach und unauffällig, werden aber während des Trainings immer stärker. Besonders Läufer bekommen oftmals den Drang, sich immer weiter vorzubeugen, was die Krämpfe für sehr kurze Zeit lindern kann. Auf Dauer werden die Beschwerden allerdings durch diese ungesunde Körperhaltung sogar verschlimmert.
Der Schmerz kann sowohl auf der rechten Körperseite (im Bereich der Leber) als auch auf der linken Seite (nahe der Milz) auftreten.

Starke Seitenstiche können sich wie ein leichter Anfall von Übelkeit anfühlen; in wenigen Fällen folgt darauf der Drang zum Erbrechen. Ein tatsächliches Erbrechen ist möglich, kommt jedoch sehr selten und nur bei ernster körperlicher Überanstrengung vor.

Sitzt der Schmerz etwas tiefer, erinnert er in seiner Art gegebenenfalls an Magen- und Darmkrämpfe. Oftmals strahlen sie bis in den Rücken sowie die Schultern aus, was einen Sportler in seinen Bewegungen kurzzeitig einschränken kann.

Welche Situationen führen zu Seitenstechen?

Meistens entsteht Seitenstechen bei körperlichen Anstrengungen. Je nach Leistungsfähigkeit des Betroffenen hat der Begriff »Anstrengung« unterschiedliche Bedeutungen: Bei untrainierten Menschen kann schon das einfache Treppensteigen zu Seitenstichen führen. Personen mit besserer Kondition hingegen können in der Regel längeren und härteren Belastungen standhalten, ohne von Seitenstechen betroffen zu sein.

Am häufigsten treten die krampfartigen Schmerzen beim Ausdauersport auf, besonders Jogger und Läufer leiden darunter. Doch auch Sportarten wie das Fahrradfahren, Schwimmen und Aerobic sind typische Risikofaktoren für Seitenstechen.
Wer mit einem Partner oder in einer Gruppe trainiert, kommt leicht in die Versuchung, während des Trainings mit seinen »Kollegen« zu sprechen. Jedoch sollten Gespräche auf die Pausen verlegt werden: Da die Lungen sowie das Zwerchfell bereits durch die sportliche Betätigung außerordentlich beansprucht werden, ist es hilfreich, diese nicht unnötigerweise zu überfordern. Derartige Situationen steigern die Anfälligkeit für Seitenstiche enorm.

Niemand ist vollständig immun gegen Seitenstechen. Dennoch ist es korrekt, dass unsportliche Menschen öfter darunter leiden als beispielsweise trainierte Langstreckenläufer. Am stärksten betroffen sind neue Ausdauersportler, denen es noch an Kondition und Wissen über die korrekte Körperhaltung mangelt.

Was genau passiert im Körper während der Seitenstiche?

Seitenstechen ist ein medizinisches Phänomen, über das bereits zahlreiche Theorien aufgestellt wurden. Die genauen Vorgänge im Körper können also nicht allgemein beschrieben werden. Über die wahren Ursachen ist sich die Wissenschaft bis heute nicht einig. Zu den bekanntesten Theorien zählen:

  • Anschwellen der Milz
    Eine Theorie besagt, dass die Milz bei körperlicher Aktivität außerordentlich stark durchblutet wird. Dies führt zu einem Anschwellen des Organs, das nun auch auf die umliegenden Organe drückt. Am stärksten ist das Bauchfell betroffen, welches von der vergrößerten Milz gestreckt und gedehnt wird. Die Dehnung führt zu dem unangenehmen Ziehen auf der Bauchseite.
  • Erschütterung der inneren Organe
    Beim Sport, insbesondere beim Laufen oder Joggen, kommt es zu kleinen Erschütterungen der Organe. Schwere Organe wie die Leber sind am stärksten von dem andauernden Auf und Ab betroffen.
    Die inneren Organe drücken mit jeder Bewegung auf die danebenliegenden Bänder. Diese bekommen durch die Belastung minimale Risse, welche für die Seitenstiche verantwortlich sind.
  • Belastung des Zwerchfells
    Das Zwerchfell ist einer der wichtigsten Muskeln des menschlichen Körpers. Es trägt die Hauptverantwortung für die Atmung und stellt eine anatomische Trennwand zwischen dem Bauch- und dem Brustbereich dar.
    Bei körperlicher Aktivität haben die Muskeln einen stärkeren Bedarf an Sauerstoff, weshalb sich auch die Atmung anpasst, um diesen Bedarf zu decken: Je intensiver die Bewegung, desto schneller wird die Atmung. Dies ist eine starke Belastung für das Zwerchfell, das auf die Überanstrengung mit schmerzhaften Verspannungen im oberen Bauchbereich reagiert.
    Ist das Zwerchfell zudem nicht ausreichend durchblutet, entsteht ein leichter Sauerstoffmangel im Muskel, was die Krämpfe ebenfalls verschlimmern kann.
    Regelmäßiges Training verbessert die Durchblutung der Muskeln im ganzen Körper, weshalb Seitenstechen mit zunehmender Leistungsfähigkeit immer seltener wird.
  • Ungesunde Körperhaltung
    Eine weitere mögliche Ursache für Seitenstechen ist eine inkorrekte Haltung beim Sport, die zu Verspannungen und Krämpfen in den seitlichen beziehungsweise schrägen Bauchwandmuskeln führen kann. Häufig vorkommende fehlerhafte Haltungen beim Laufen wie das zu weite Vorbeugen des Oberkörpers oder das Vorziehen der Schulterblätter (»Buckeln«) werden oft durch eine schwache Bauchmuskulatur verursacht.
    Regelmäßiges Lauftraining sowie spezielle Übungen zur Stärkung der Bauchwandmuskulatur sind hilfreich, um derartige Probleme zu verhindern.

So manche Theorie über die Entstehung von Seitenstechen hat sich bereits eindeutig als falsch erwiesen. Weit verbreitet ist beispielsweise die Behauptung, dass die unteren Bereiche der Lungen bei körperlicher Belastung zu wenig Sauerstoff bekämen. Der Luftmangel soll zu krampfartigen Empfindungen in den Lungen führen und somit die Ursache für die Schmerzen sein. Diese und viele weitere Theorien gelten jedoch als inkorrekt, da eine gesunde Lunge auch bei Anstrengung stets mit ausreichend Sauerstoff versorgt wird.

Was kann gegen plötzlich auftretendes Seitenstechen getan werden?

In der Regel verschwinden Seitenstiche genauso schnell, wie sie aufgetreten sind. Deshalb sind aktive Gegenmaßnahmen meist nicht nötig. Sollten die Schmerzen etwas hartnäckiger sein, ist es hilfreich, eine Pause einzulegen und die Atmung zu kontrollieren: Tiefes Ein- und Ausatmen dehnt und entspannt das verkrampfte Zwerchfell. Auch das sanfte Drücken und Massieren der betroffenen Seite lockert die Muskeln.

Wie kann man den Schmerzen vorbeugen?

Da Seitenstechen meist bei zu starker körperlicher Belastung auftritt, können die Schmerzen meist vermieden werden, indem man die Intensität des Trainings verringert. Durch regelmäßige sportliche Betätigung wird der Körper mit der Zeit immer leistungsfähiger, wobei das Risiko für Seitenstechen stark sinkt. Vor dem Sport sollte man sich die Zeit für einige Aufwärmübungen nehmen, um die Muskeln vorzubereiten.
Kurz nach einer großen Mahlzeit sollte zudem auf Sport verzichtet werden, da dies die Entstehung von Seitenstichen begünstigt.

Seitenstechen während der Schwangerschaft

Ein Großteil aller werdenden Mütter hat mit regelmäßigem Seitenstechen zu kämpfen. Ganz ohne sportliche Betätigung kann der bohrende Schmerz plötzlich auftreten. Auch in der Schwangerschaft ist dies meist kein Grund zur Sorge: In der Regel wird das schmerzende Gefühl durch die inneren Organe verursacht, die wegen des stetig wachsenden Babys immer weiter zusammengedrückt werden.
Eine weitere Möglichkeit sind die Bauchmuskeln, die verschoben und gezerrt werden, um Platz für das Kind zu schaffen. Diese Zerrungen können sich wie Seitenstechen anfühlen.

Hält der Schmerz über ungewöhnlich lange Zeiträume an oder ist er auffällig stark, sollte dennoch ärztlicher Rat eingeholt werden.

Wann Seitenstiche gefährlich werden

Im Normalfall besteht bei Seitenstechen keinerlei Grund zur Sorge. Insbesondere durch Bewegung verursachte Seitenstiche sind in nahezu jedem Fall harmlos. Tatsächlich können die Schmerzen ein Indikator für Bewegungsmangel sein: Wer extrem anfällig für die krampfartigen Schmerzen im seitlichen Oberbauch ist und sich schon bei leichten, alltäglichen Bewegungen mit schmerzverzerrtem Gesicht an die Seite fasst, bekommt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu wenig körperliche Betätigung im täglichen Leben. Bewegungsmangel ist eine der häufigsten Ursachen für Komplikationen wie Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, Fettleibigkeit und psychische Probleme. Aus diesem Grund sollte ständig auftretendes Seitenstechen ernst genommen und gegebenenfalls als Motivation für mehr sportliche Betätigung angesehen werden.

Stechende Schmerzen als Symptom für ernste Erkrankungen

In seltenen Fällen kann Seitenstechen ein Symptom für eine akute Erkrankung sein, die ärztlicher Behandlung bedarf. Auffällig ist ein plötzlicher, grundlos auftretender Schmerz, der über längere Zeiträume andauert und nicht von selbst verschwindet.
Da zahlreiche verschiedene Organe im Bereich der Bauchhöhle liegen, ist es sehr schwer, selbst die Ursache des Leidens zu finden. Deshalb sollte im Zweifelsfall stets ein kompetenter Arzt aufgesucht werden.

Hinter andauernden seitlichen, oft immer stärker werdenden Bauchschmerzen können im schlimmsten Fall ernste Erkrankungen der inneren Organe stecken. Unter anderem zeichnen sich folgende Leiden typischerweise durch seitenstichartige Schmerzen aus:

  • Herzerkrankungen
    Zahlreiche Herzleiden lassen sich schon früh an ihren auffälligen Symptomen erkennen. Enge- und Druckgefühle im Brustkorb sowie ein intensiver, kneifender Schmerz, der bis in den Rücken ausstrahlt, können in manchen Fällen an Seitenstechen erinnern. Diese Symptome können jedoch ernst zu nehmende Ursachen haben, beispielsweise eine Herzbeutelentzündung (Perikarditis) oder gar einen akuten Herzinfarkt.
  • Blinddarmentzündung (Appendizitis)
    Nicht selten wird eine Blinddarmentzündung von starken Schmerzen im Bauchraum begleitet. Obwohl der Blinddarm im rechten Unterbauch liegt, kann der Schmerz in alle Richtungen ausstrahlen und sich wie Seitenstechen anfühlen.
  • Nierenbeckenentzündung (Pyelonephritis)
    Eine Infektion des Nierenbeckens wird meist durch Bakterien verursacht. Sollten Seitenstechen oder ähnliche Flankenschmerzen zusammen mit Fieber und Übelkeit auftreten, besteht die Möglichkeit einer akuten Nierenbeckenentzündung.
  • Zwerchfellentzündung (Diaphragmitis)
    Ist das Zwerchfell von einer Entzündung betroffen, kann es zu schmerzhaften Stichen im Oberbauch kommen. Sollte tatsächlich eine Erkrankung des Zwerchfells hinter den Schmerzen stecken, folgen meist schwere Probleme mit der Atmung.

All die oben genannten Leiden und Krankheiten sind Extremfälle, die nur selten der Grund für Seitenstiche sind. Deshalb stellt Seitenstechen vorerst keinen Grund zur Panik dar. Wird das Stechen außerordentlich stark und andauernd, sollte dennoch immer ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden.

Fazit

Seitenstechen ist ein meist harmloses Leiden, das nahezu jeden Menschen betrifft. Zwar ist die Ursache nicht vollständig geklärt, jedoch gibt es zahlreiche Maßnahmen, mit denen der Schmerz bekämpft beziehungsweise vermieden werden kann. Meist ist regelmäßige Bewegung die effektivste Art, um das Leiden zu verhindern.