Was ist der LIBOR Zinssatz?

Der LIBOR (London Interbank Offered Rate) ist ein täglich ermittelter Zinssatz für den Interbankenmarkt, zu dem sich Großbanken gegenseitig Geld verleihen. Der LIBOR-Referenzzinssatz ist nicht dem Leitzins der Europäischen Zentralbank oder anderen Notenbanken gleichzusetzen. Im Laufe seiner Geschichte geriet er durch bekannt gewordene Manipulationen in bedeutendem Ausmaß in das Bewusstsein der Öffentlichkeit.

Wofür wird der LIBOR-Zins benötigt?

Die Referenzzinssätze des LIBOR dienen als Grundlage für zahlreiche Finanzmarktgeschäfte wie Darlehen, Hypotheken und Zinspapiere. Dabei legen die Banken unabhängig von Notenbanken fest, zu welchem Kurs sie an andere Geldinstitute Geld verleihen oder sich selbst leihen. Im Gegensatz zum für viele Monate festgelegten Leitzins einer Nationalbank handelt es sich beim LIBOR-Zins um einen Erwartungszinssatz, zu dem Banken an andere Banken Geld verleihen würden, ohne dass ein Geschäftsabschluss tatsächlich erfolgen muss.
Durch seine Unabhängigkeit gilt der LIBOR als wichtiger Maßstab und Referenzpunkt für Finanzprodukte im Wert von über 500 Billionen US Dollar weltweit.

Wie wird der LIBOR-Kurs errechnet?

Der Zins wird durch die Großbanken auf dem Geldmarkt in London selbst ermittelt. Dabei stellen diese fest, zu welchem Zinssatz sie bereit sind, einander unbesicherte Kredite zu gewähren. Je nach Währung sind bei der Festlegung acht bis 16 verschiedene Banken beteiligt. Zur Ermittlung des Kurses dienen lediglich die durchschnittlichen Sätze, da die höchsten und niedrigsten Meldungen (jeweils 25 Prozent Anteil) zum Zwecke der Kursstabilität ignoriert werden.

Die Meldungen erfolgen werktäglich um 11 Uhr Ortszeit London an die Nachrichtenagentur Thomson Reuters, die den Durchschnitt nach festgelegten Kriterien errechnet. Die Veröffentlichung des Zinssatzes erfolgt schließlich um 11.45 Uhr Londoner Zeit durch ICE Benchmark Administration (IBA) bzw. deren Partner.
Jeder Kurs variiert je nach Laufzeit. Der Europäische Euro LIBOR-Zinssatz wird für 7 Laufzeiten zwischen 1 Tag (Overnight) und 12 Monaten ermittelt. Der niedrigste und höchste Kurs folgt innerhalb der verschiedenen Laufzeiten jedoch keinem linearen Muster. Häufig ist der Zins für die kürzeste sowie längste Laufzeit aber am höchsten.

Welche Vor- und Nachteile bietet der LIBOR-Zins?

Kreditnehmer können in Zeiten lang anhaltender Niedrigleitzinsen vom LIBOR-Kurs profitieren. Vor allem für die Immobilienfinanzierung lohnen sich oft langfristige Hypotheken. Als Grundlage zur Ermittlung des Zinssatzes dient dabei die (kurzfristige) Laufzeit, währenddessen der Zins periodisch im Sinne des jeweils gültigen LIBOR-Kurses aktualisiert wird. Steigt dieser, sollte für die Gesamtlaufzeit ein fester Zins vereinbart werden.
Anleger dagegen profitieren von steigenden Zinsen, sofern deren Zinspapiere nach dem LIBOR ausgerichtet sind.
Als großer Nachteil des LIBOR wird die mangelnde Transparenz gesehen, denn die eigentlich neutralen Umfragen zur Ermittlung des Kurses sind vertraulich und somit schwer nachzuprüfen. Banken können den Zinssatz durch Absprache und Manipulation beeinflussen, um die eigenen Verluste zu verschleiern. Ein Zinssatz, der manipuliert wird, kann zu einer Verschlimmerung des Satzes für Darlehen und Hypotheken beitragen und somit starken Einfluss auf die Wirtschaft ausüben.
Manipulationen dieser Art sind nicht nur theoretisch, sondern sorgten bereits im Juni 2012 für Schlagzeilen (LIBOR Skandal).

Inwiefern ist die Deutsche Bank in den LIBOR-Skandal verwickelt?

Im Sommer 2012 enthüllten interne E-Mails in französischer Sprache, dass der LIBOR sowohl nach oben als auch nach unten vielfach manipuliert worden war. Ermittler konnten die Beteiligung der Deutschen Bank AG an der Manipulation nachweisen; 15 weitere internationale Großbanken waren ebenfalls in den Skandal verstrickt. Ein mehrfach künstlich hochgehaltener Zinssatz belastete viele Kreditnehmer übermäßig, während durch manipulativ niedrige Kurse wiederum zahlreiche Anleger benachteiligt worden waren. Das Ausmaß der entstandenen Schäden an der Wirtschaft war so groß (geschätzt: 17,1 Milliarden Dollar), dass die Deutsche Bank AG Ende 2013 von der EU zu einer Strafzahlung von 725 Millionen Euro verurteilt wurde.

Im April 2015 schloss das deutsche Geldinstitut mit britischen und US-amerikanischen Behörden einen Vergleich und erklärte sich bereit, eine Rekordstrafe von 2,5 Milliarden Dollar zu zahlen.
Belastende Informationen stammten hauptsächlich aus der eigenen Belegschaft. Die Aufarbeitung von wiederholten Manipulationen des Zinssatzes erforderte die Kontrolle von 5,1 Millionen internen E-Mails. Weitere Enthüllungen durch Mitarbeiter der Deutschen Bank sind zu erwarten, denn Kosteneinsparungen innerhalb des Instituts sehen die Entlassung von 1000 Mitarbeitern vor.

Bild: Lupo / pixelio.de

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